Presseartikel

des Südkurier zu einem Vortrag von Prof. Dr. Spitzer

Aus dem Südkurier Die Revolution des Lernens! Nur Lernen macht glücklich
Alles ganz einfach: Hirnforschung mit Manfred Spitzer VON BEATE SCHIERLE

Ein Baby lernt laufen. Es zieht sich am Sofa hoch, fällt hin. Es zieht sich am Stuhl hoch, fällt wieder hin. "So geht das monatelang. Jeder Erwachsene hätte schon längst aufgegeben. Aber das Baby macht weiter - und irgendwann kann es laufen. Wir lernen nämlich von Fall zu Fall." Der Ulmer Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer liebt es anschaulich. Das menschliche Gehirn ist sein Thema. Wie es funktioniert, wie wir lernen, wie wir ihm schaden, das treibt ihn um - und seine Zuhörer zur Begeisterung. Spitzers Vorträge sind stets gut besucht, und das landauf, landab. Beim 32. VS-Forum unserer Zeitung in Villingen saßen etliche der 900 Zuhörer auf dem Boden. Das Gehirn, das Organ, das wir am meisten mit unserer Persönlichkeit verbinden, fasziniert die Menschen. Spitzer hat sich einen Namen gemacht, weil er komplizierte Vorgänge einfach erklären kann. Seine populärwissenschaftlichen Bücher über Lernen, Medienkonsum ("Vorsicht, Bildschirm!") oder Musik ("Musik im Kopf") verkaufen sich bestens. Wenn der 49-Jährige erläutert, wie das menschliche Gehirn Neues abspeichert, nennt er die Synapsen, die Knoten- und Verbindungspunkte der Nervenzellen, einfach "Knubbel". Wenn Nervenimpulse dort häufiger aufliefen, vergrößerten sich diese "Knubbel". "Da können Sie zugucken", sagt er. Zum Lernen braucht es also die Wiederholung - und es hinterlässt Spuren im Gehirn. Spitzer ist nicht nur Wissenschaftler und ärztlicher Direktor der psychiatrischen Uniklinik in Ulm, sondern auch ein guter Unterhalter. "Frauen haben 19 Milliarden Gehirnzellen und Männer 23. Beide Geschlechter sind aber gleich intelligent. Die Frage ist, was die Männer mit ihren zusätzlichen vier Milliarden machen." Vergnügt wippt er mit den Füßen und seine Augen blitzen, als die Villinger Zuhörer schallend lachen. Spitzer macht es aber auch nichts aus, kräftig anzuecken. Er ist einer der bekanntesten Warner vor zu frühem Fernseh- und Computerkonsum von kleinen Kindern. Mit seiner These "Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig" zog er heftige Kritik von Medienwissenschaftlern auf sich. Michael Kunczik von der Universität Frankfurt kritisierte Spitzers These als zu wenig differenziert. Die Mediennutzung sei nur ein Faktor von vielen bei Jugendlichen mit problematischem Verhalten. Medienpädagogen, die Kindern bewussten Umgang mit modernen Medien beibringen wollen, sehen sich von ihm ins Abseits gestellt. "Es stimmt aber trotzdem", sagt Spitzer, für dessen fünf Kinder es zuhause kein Fernsehen gibt, kampfeslustig. Auch gewalttätige Inhalte in Fernsehen und Computer hinterließen Spuren im Gehirn. Bis zum Alter von 18 Jahren habe jeder Jugendliche 200000 Gewalttaten gesehen, bei denen die Täter oft ungestraft davonkämen. Spitzer geht so weit zu sagen: "Wenn Sie Ihren Zwölfjährigen mögen, kaufen Sie ihm keinen Computer." Die Stärke unseres Gehirns liege nicht im Auswendiglernen von Fakten. "Die schlechte Nachricht lautet: Das Gehirn ist kein Kassettenrekorder und keine Festplatte. Die gute Nachricht ist: Es ist viel besser". Die Stärke des Oberstübchens sei es, aus dem vielen Neuen das Allgemeine herauszufiltern, was wir für unseren Alltag brauchen. Dafür müsse man nicht einmal viel tun, denn einen Großteil dieser Arbeit leiste das Gehirn unbewusst: "Das Hirn hat's drauf", sagt Spitzer und streckt begeistert seine Hände nach vorn. Richtig Spaß mache es unserer Leitzentrale, etwas Neues zu lernen. Die Hirnforschung mit ihren Möglichkeiten könne das heute im Scanner regelrecht sichtbar machen. Dann leuchtet ein Areal im Gehirn auf, der "Nucleus accumbens", zu deutsch Belohnungszentrum genannt. Und dann begibt sich Spitzer fast auf philosophische Ebenen, nämlich zur Frage, was Menschen glücklich macht. Gehirnphysiologisch gesehen ist das ganz einfach: Glück empfinden Menschen dann, wenn sie etwas Neues, Positives lernen, was sie nicht erwartet hatten. Das mache glücklicher als Einkaufsorgien oder alle drei Jahre ein neues Auto. Solche konsumskeptischen Äußerungen lassen manchen vielleicht kurz zusammenzucken, aber die Villinger hängen 80 Minuten begeistert an Spitzer, der frei und ohne Manuskript 900 Menschen mit vergnüglichem Wissen füttert. Spitzer plädiert dafür, die riesigen Fähigkeiten des Gehirns mit eigenen Erfahrungen und nicht mit Konsumierten aus zweiter Hand zu fordern, um im Gehirn neue Spuren zu legen. Lernen und Neues erfahren könne man das ganze Leben lang. "Lernen und Glück sind tief im Kopf dasselbe."

 

Lernen macht glücklich

VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 16.05.2009

Mönchengladbach (RP) Deutschlands bekanntester Hirnforscher, Professor Manfred Spitzer, bescherte knapp 200 Zuhörern bei den Wirtschaftsgesprächen verblüffende Einsichten. Seine Forschungsergebnisse lassen sich im Alltag umsetzen.

Geld macht einsam. Angst hemmt die Kreativität. Und Lernen macht glücklich. Das würde mancher zu gerne als banale Kalenderblatt-Weisheit oder bloßen Humbug abtun. Bloß: All dies ist längst bewiesen. Und zwar wissenschaftlich fundiert. Da kann man den Stolz von Professor Manfred Spitzer, das Gehirn sei das wichtigste Organ des Menschen, schon verstehen. Denn all diese Erkenntnisse beruhen auf der systematischen Untersuchung des Gehirns.

Nun sind Synapsen, Hirnrinde und Hemisphären gemeinhin nicht gerade das geborene Thema für die lockere Abendkonversation. Doch wenn Spitzer über das Gehirn spricht, diesen paradoxen Schuhkarton, in den um so mehr hineinpasst desto mehr man hinein steckt, dann ist das ein staunenswert müheloser Spagath zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Unterhaltung.

Da kommentiert Spitzer Folien zu komplexesten neurobiologischen Zusammenhängen mit flapsigen Sprüchen und ist stets zugleich enthusiastischer Forscher und Entertainer. Und da zwangsläufig so viele seiner Erkenntnisse mit Lernen zu tun haben, wird einem das Elend des Bildungssystems überdeutlich. Denn das Gehirn ist nicht nur so konstruiert, das Menschen nahezu unendlich viel lernen können, es macht ihnen auch Freude - wenn man sie ihnen nicht automatisch austreibt. "Die Schule ist nicht der Ernst des Lebens, sondern das Glück des Lebens", so Spitzer. Dass Angst das Denken erschwert, können die Hirnforscher im Gehirn nachforschen. Der Mandelkern sorgt dafür, dass man mit Angst nicht gut denken kann. Da sie Mathematik einst nur unter Androhung von Strafen lernten, ist die Disziplin auch hochintelligenten Menschen auf alle Zeit verleidet. Das Gehirn hat abgespeichert: Mathematik = Angst. Dass immer mehr Jugendliche gewalttätig werden, erstaunt Spitzer nicht. Sie hätten es systematisch gelernt, so Spitzer. Tausende von Malen hat ein durchschnittlicher Jugendlicher heute vor dem TV- oder Computer-Bildschirm gezeigt bekommen: Gewalt ist normal, alternativlos und ohne Folgen. Das prägt sich im Gehirn ein. Genau, wie es nachweisbare Folgen hat, ob es in einer Stadt sauber oder schmutzig ist. Wird eine soziale Norm verletzt und prangen Graffiti an den Wänden, steigt die Bereitschaft zum Diebstahl.

Spitzers Parforce-Ritt durch die Hirnforschung bescherte überraschende Erkenntnisse: Doch noch mehr, als dass ein Baby nachweislich bereits mit sieben Monaten beginnt, Grammatik zu lernen, dürfte die zahlreichen Unternehmer im Publikum dieses interessiert haben: Schon der Gedanke an Geld reduziert soziales Verhalten. Das heißt: Wer ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen will, spricht lieber nicht über Geld.

 

 

 

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